Bazon Brock

Eine grĂ¶ĂŸere LĂŒgerei als das, was in der Warenpropaganda jetzt ĂŒber mindestens 80 Jahre in die Köpfe reingedĂ€mmert wurde, gibt es gar nicht. Wir haben nichts mehr. Wir haben kein GlĂŒck, wir haben keinen Frieden, wir haben kein VerstĂ€ndnis fĂŒr irgendetwas noch, was nicht vollkommen zerstört wurde durch die Überdeckung im Hinblick auf Warenpropaganda.


Arno Bammé

Der traditionelle Begriff der Gesellschaft sei durch den des Kollektivs zu ersetzen und um die nichtmenschlichen Wesen, um die technischen Artefakte zu erweitern, weil auch sie inzwischen zu Akteuren der Gesellschaft geworden sind. Ohne die Partizipation von Non-Humans, insbesondere von technischen Artefakten, sei kein soziales Leben mehr denkbar [
] Das „technische Kollektiv“ ist der Tendenz nach planetarisch und totalitĂ€r. Es entfaltet sich zunĂ€chst in Sonderkollektiven mit SpezialarbeitsplĂ€nen, drĂ€ngt aber mit unwiderstehlicher Gewalt zu einer Universalmaschinerie mit einem Universalarbeitsplan: Weltgesellschaft. Es zerstört die alten gewachsenen Sozialordnungen, die Imperien und die kultischen MĂ€chte. Es fĂŒhrt zu einer Uniformierung und Nivellierung der IndividualitĂ€t, zu Raubbau und Verschwendung. Nichts bleibt unangetastet, kein Zustand gilt als bewahrenswert. Alles Stabile wird dynamisiert, alles Immobile mobilisiert. Auch die rechtlichen und staatlichen Ordnungen, die ĂŒber allen geschichtlichen Wandel hinweg eine gewisse KontinuitĂ€t verbĂŒrgten, werden davon erfasst. Die Normen, die in der vortechnischen Welt Dauerhaftigkeit besaßen, werden zu vorlĂ€ufigen Regulativen, die jederzeit durch andere ersetzt werden können. Das Recht selbst wird zur Betriebsordnung. Insbesondere sein Hauptinstitut, das Eigentum, verliert an strukturierender Kraft, und zwar in dem gleichen Maße, wie das immobile Eigentum par excellence, das Grundeigentum, seinen sozialen und ökonomischen Vorrang einbĂŒĂŸt. Das Eigentum gerĂ€t in die AbhĂ€ngigkeit einer sich ausweitenden Zirkulation. Es wird durch zahlreiche Vorbehaltsrechte und Eingriffsklauseln, bis hin zur Enteignung, dem „technischen Kollektiv“ adaptiert.


Dietmar Kamper

In Zukunft helfen nur unmerkliche Drehungen, die mĂŒhsame Arbeit der Trauer, Tag fĂŒr Tag, Nacht um Nacht. Diese Bewegung gleicht jener der Spindel der Notwendigkeit, welche die Körperschrift des Universums rĂŒckwĂ€rts abspult, um eine Multiversitas der Zeiten wiederzuholen. Im Unterschied nĂ€mlich zur Depression, in der die Moderne verendet, haben die VorlĂ€ufer Melancholie, Acedia, Trauer, die in postmoderner Maskerade wieder auftauchen, einen produktiven Fundus im AbgrĂŒndigen. Sie sind Quellen der Poiesis, wenn sie unverriegelt, ungeregelt bleiben. Immer waren sie nicht-gewollte, nicht-gewußte EinsprĂŒche gegen den Abschied von der Erde; und bei aller Bodenlosigkeit konnten sie darin nie irritiert werden, daß Einbildungskraft und Erde zusammengehören wie Phantasie und Körper.

Die Einbildungskraft, in den Kritiken Kants eher stiefmĂŒtterlich behandelt, ist nĂ€mlich anthropologisch unerlĂ€ĂŸlich und gefĂ€hrlich zugleich. Die Einbildungskraft, von der man auf direktem Wege nichts wissen kann, wird an ihren FrĂŒchten erkannt und in ein produktives und ein reproduktives Vermögen unterschieden. Sie ist eine Mischung aus SpontaneitĂ€t und Kunst, d.h. ein Ausdruck sowohl der originĂ€ren PassivitĂ€t des Menschen als auch der Negation dieser PassivitĂ€t. Sie ist Bruchstelle und versuchter BrĂŒckenschlag zwischen Können und Sollen, zwischen dem sinnlichen Stoff der Mannigfaltigkeit der Welt und dem formvollendeten menschlichen Universum. Sie ist das Ende des Schlafs, der DĂ€mmerung, des inneren Schmerzes und der Anfang der großen genuin menschlichen AktivitĂ€t des Denkens und Handelns, noch trĂ€umend, aber entschieden, bis zum Äußersten des Menschenmöglichen zu gehen. (...) So wie der Verstand das Vermögen der Begriffe ist und die Vernunft das Vermögen der Regeln, wie diese Begriffe zum allgemeinen Nutzen zu gebrauchen sind, so ist die Einbildungskraft das Vermögen der Erfindung von Regeln und Regulativen, fĂŒr die es keine Regeln gibt. Diese offene Stelle, daß das Spiel der Phantasie zum Fortschritt der Gattung unerlĂ€ĂŸlich und zugleich gefĂ€hrlich, das heißt: nicht vollends regulierbar ist, fĂŒhrt schon bei Kant zu einem epistemologischen Bruch, der die Anthropologie ins Offene stellt und fĂŒr alle schlĂŒssigen Theorien unerreichbar macht.


Rudolf Kaehr

Was geleistet ist – bildhaft gesprochen – ist, daß der Mensch sich einen Namen gebaut hat, was die Leistung hĂ€tte sein sollen im Turmbau zu Babel, was aber dort ausgeblieben ist, ist die Anerkennung durch den Anderen, und dieser Andere kann jetzt nicht irgendjemand auf dieser Erde sein, die kennen wir alle, das sind ja die Menschen, und es können auch nicht die Geschöpfe des Menschen sein, sondern es können – bildhaft gesprochen – nur extraterrestrische Wesen sein, in deren Begegnung mit dem Menschen der Mensch nun seine Anerkennung als neuer Mensch erfĂ€hrt. In dem Sinn lĂ€ĂŸt sich vielleicht als Abrundung sagen, daß die Vollendung des Systems Mensch – wenn ich’s mal technisch sagen darf – gegeben ist, erstens dadurch, daß er sich mit seiner Technik, die ihn generiert, verwebt, verquickt und die Anerkennung durch entsprechende extraterrestrische Wesen erfĂ€hrt. Und dann wĂŒrde ĂŒberhaupt erst quasi das Leben der Menschen anfangen. Jetzt ist es nur Arbeit. Punkt.


Joachim Castella

Sein [Gotthard GĂŒnthers] Projekt, dem es um nicht weniger als die Nitzscheanisch anmutende „Dethronisierung des menschlichen Bewußtseins“ gehen wird, gar um „eine seelische Metamorphose des gesamten Menschen“, welcher ein „trans-Aristotelischer Menschentypus“ und „eine neue Dimension menschlicher Geschichte“ korrespondieren soll, sein Projekt also, das manifest an den basalen Konsolidierungen der abendlĂ€ndischen Vernunft rĂŒttelt, stellt sich zentral in den Brennpunkt mehrfacher MĂ€chte. Von mehreren Seiten, oder eigentlich allseitig, wird das AndrĂ€ngen der RezeptionmĂ€chte zu erwarten sein – sei es in Form der Verleumder, Verleugner und Verwerfer, sei es in Form der Okkupanten und Profit suchenden Eklektiker. Denn in der PrĂ€figierung des „trans“ deutet sich an, daß ein das klassische Denken in toto ĂŒbersteigender Bereich möglicher und dann auch menschlich möglicher RationalitĂ€t betreten werden soll, dem das Gesamt des geistesgeschichtlich Gedachten als sein cis gegenĂŒbersteht. Die Grenze, die GĂŒnther ziehen wird, versteht sich gerade nicht als die qualitĂ€tsgleiche Iterierung altbekannter Abgrenzung: Realisten und Nominalisten, Empiristen und Rationalisten, Materialisten und Idealisten, Analytiker und Hermeneutiker – sie werden sich als nur noch untereinander gegensĂ€tzliche EntwĂŒrfe gemeinsam auf der gleichen Seite der neuen Grenze wiederfinden, denn die Transklassik setzt ihre Theodoliten in einer Weise an, die den Verlauf ihrer Grenze orthogonal zu den bestehenden Trennungslinien einrichtet und so die traditionell beobachtbaren GegensĂ€tze als nur im Vorzeichen verschiedene Interpretationen einer fundamental identischen GeodĂ€sie entlarvt. Trans-klassisch indiziert einen Gestus, der die ĂŒberkommenen GrabenkĂ€mpfe ingesamt zu verlassen sucht, der kein weiteres System als neues „Anti“ in spiegelsymmetrischer Architektonik einem VorlĂ€ufer gegenĂŒberstellt, sondern der die Abspiegelungsstrategie selbst reflektiert.


Gotthard GĂŒnther

Die Herrschaft des Menschen kann sich nur dann ausbreiten, wenn es ihm gelingt, das Maß der "Vermittlung", das zwischen ihm und der objektiven Wirklichkeit steht, zu verringern und gegen das absolute Minimum des "Wortes" konvergieren zu lassen.

Jeder Gedanke ist von einem elektro-chemischen Vorgang im Kopfe der Menschen begleitet. Mehr noch: der Gedanke ist jener physische Vorgang. Das technische Problem stellt sich vorlĂ€ufig so: diese VorgĂ€nge durch geeignete Relais zu verstĂ€rken und als physische Wirkung nach außen zu leiten, wo sie als Auslöser fĂŒr stĂ€rkere elektromagnetische VorgĂ€nge dienen können, die ihrerseits die gewĂŒnschten physischen Wirkungen hervorrufen [
] Es wird daher vorausgesetzt, daß die Innenwelt des menschlichen Bewußtseins und die Außenwelt der physischen Ereignisse derselben „logischen Syntax“ folgen, d.h. daß ein struktureller Parallelismus zwischen ihnen existiert. In anderen Worten: Jeder mögliche Vorgang im Bewußtsein (Gedanke) entspricht ein möglicher Vorgang in der Außenwelt. Aber trotz gleicher Sprachregeln sprechen Psyche und Außenwelt nicht die gleiche Sprache. Sie benutzen, um im Bilde zu bleiben, bei gleicher Regelstruktur (Syntax) andere „Worte“. Das Bewußtsein spricht seine eigene Sprache und nicht die der Außenwelt. Aus diesem Grunde kann das Denken ohne Hilfsmittel nicht die Welt verĂ€ndern. Seine Befehle werden „draußen“ nicht verstanden. Nur das göttliche Bewußtsein spricht dieselbe Sprache wie die physische Welt, weshalb es in bloßen „Worten“ schafft. Die Aufgabe der Semiotik ist nun den „Wortschatz“ festzustellen, in dem sich die Außenwelt ausdrĂŒckt. Die Semantik hingegen hat das Ziel die Übersetzungsregeln zu finden, die eine direkte „Übersetzung“ der Sprache der denkenden Intelligenz in die der objektiven RealitĂ€t erlauben.

Wie können wir eine Technik der Fortbewegung entwickeln, die nicht mehr den Raum in seinem quantisierten materiellen Aspekt nutzt, sondern die Materie in ihrer nicht quantisierten, rĂ€umlichen Version? In einem ersten Versuch, den engen klassischen Raum zu ĂŒberwinden, verfĂ€llt die abendlĂ€ndische Technik auf das Mittel, den Raum zu ignorieren – anstatt ihn zu manipulieren. Daß das keine echte Lösung des Problems, wie man sich aus der Enge der klassischen Daseinsebene befreien soll, darstellt, leuchtet ein. Aber es ist offenkundig ein Versuch, die alten metaphysischen Schranken zu durchbrechen. Die abendlĂ€ndische Technik nimmt zwischen Ă€lteren metaphysischen Auffassungen und möglichen zukĂŒnftigen eine gewisse Mittelstellung ein. Nach der alten klassischen Vorstellung ist der Raum als das absolute Nichts das Vehikel des Überganges von der empirischen Immanenz in die Transzendenz des Göttlichen. RĂ€umliche Entfernung ist immer zugleich metaphysische Ferne. Der Vollzug des Überganges von dem klassischen Weltbild der Ontologie der physischen Existenz zu einer neuen Metaphysik eines dritten Zeitalters wĂŒrde verlangen, daß die folgende Frage zufriedenstellend beantwortet wird: Wenn nun der Raum nicht mehr das Mittel des Überganges aus unserer empirischen Existenzform in die Regionen des göttlichen Absoluten ist, was ist er dann positiv? Und inwiefern ist er eine empirische GrĂ¶ĂŸe, der der Mensch genau so gegenĂŒbersteht wie der physischen Materie seiner Existenzebene? Der vollgĂŒltige Beweis, daß diese Frage endgĂŒltig beantwortet und damit fĂŒr den Menschen eine höhere Ebene der historischen Existenz erreicht wĂ€re, wĂŒrde darin bestehen, daß zuerst Denkverfahren und spĂ€ter Techniken aufgewiesen wĂŒrden, die erlaubten, den Raum genau so zu manipulieren, wie der Mensch in seinen handwerklichen und maschinellen Verfahren die Materie manipuliert und seinen BedĂŒrfnissen gemĂ€ĂŸ umformt. Ein solches technisches Ziel dem Raum gegenĂŒber ist keineswegs bloße Phantasterei. Theoretisch wissen wir schon, daß der Raum manipuliert werden kann. Man kann ihn „krĂŒmmen“. Die abendlĂ€ndische Technik aber hĂ€lt sich weder innerhalb der alten klassischen Grenzen, noch interpretiert sie den Raum als ein „physikalisches“ Problem. Die alte metaphysische Furcht ist noch zu stark, drum wĂ€hlt sie einen Mittelweg: Sie ignoriert das Raumproblem und erreicht damit nur ein gottloses Zwischenstadium.

Raumschiffahrt in allen möglichen Formen ist eines der Hauptthemen der S.-F.- Literatur. Es leuchtet jedoch ein, daß, ganz abgesehen von den technischen Seiten dieses Problems, die Menschheit weder moralisch noch geistig auf eine solch gigantische Ausdehnung ihres Lebensraumes vorbereitet ist. Eine Spritztour auf den Mond? Warum nicht. Eine Expedition auf die Planeten? Vielleicht. Reisen aber in den wirklichen Weltraum sind eine völlig andere Sache. GemĂ€ĂŸ der Art wissenschaftlichen Denkens, welche die westliche HemisphĂ€re von den regionalen Kulturen auf der anderen Seite unseres Planeten geerbt hat, sind derartige Unternehmungen eine Unmöglichkeit. Diese Denkungsart kann sich gar nichts anderes vorstellen als Naturgesetze und technische Prozesse, fĂŒr welche eine absolute Geschwindigkeitsgrenze existiert. Eine Reise in die wirklichen Tiefen des Weltraumes setzt also voraus, daß unsere traditionelle Vorstellung der physikalischen Natur und die sich mit ihr beschĂ€ftigende Wissenschaft durch eine völlig neue Wissenschaft ersetzt werden muß, die von grundsĂ€tzlich anderen metaphysischen Postulaten ausgeht als die Wissenschaften des Archimedes, Newtons und Einsteins. Dies aber wiederum bedarf einer neuen Form der Zivilisation einer neuen Hochkultur, die radikal verschieden sein muß von jenen, die wir seither kannten. Reisen in den tiefen Weltraum setzen eine universale planetarische (oder gar solare?) Kultur voraus. GrundsĂ€tzlich ist das jedoch ein moralisches Postulat. Eine neue Kultur wird nicht geboren, wenn der Mensch ein paar erstaunliche Apparate erfindet, sondern wenn und sobald er ein tieferes VerstĂ€ndnis seiner selbst und seiner moralischen Verpflichtungen erreicht.

Moralische Verbindlichkeit aber setzt Sicherheit in den Lebenserwartungen voraus. SpiritualitĂ€t kann nirgends gedeihen, wo niemand weiß, was das Morgen bringen wird. Wenn die Zukunft völlig unbestimmt ist, nirgends antizipiert und auf keine Weise von den eigenen Handlungen zwingend bestimmt werden kann, wenn also alles von der Laune der Götter abhĂ€ngt, dann hört jede Verantwortlichkeit auf.


Richard Buckminster Fuller

Da Menschen aus Myriaden von Atomen bestehen und da Atome selbst PhĂ€nomene elektromagnetischer Frequenzereignisse sind – und nicht Dinge –, ist es theoretisch möglich, die komplexen Frequenzen, aus denen die Menschen zusammengesetzt sind, einschließlich ihrer Winkelpositionen mit einem Scanner aufzulösen und sie als Richtfunk in die interstellare Leere zu senden, wo sie irgendwann irgendwo im Universum nach einer Reise mit einer Geschwindigkeit von 700 Millionen Meilen pro Stunde ankommen und empfangen werden. Nach allem, was uns an physikalischen Daten vorliegt, ist es theoretisch nicht unmöglich, daß Menschen in der Vergangenheit aus weiten Entfernungen ĂŒbermittelt worden sind. [
] Vom Vertrauten getrennt, mit dem Unbekannten konfrontiert und nur ausgestattet mit dem mechanischen Feedback ihrer Gehirn-Reflexe, merken die gedankenlosen Menschen, daß ihr geradliniges Streben an den Wellensystem-RealitĂ€ten des Universums vorbeigeht und immer vergeblich ist.


Peter Sloterdijk

Die AufklĂ€rung kann nur ein ResĂŒmee ziehen: der Mensch ist nicht aufzuklĂ€ren, weil er selbst die falsche PrĂ€misse der AufklĂ€rung war. Der Mensch genĂŒgt nicht. Er trĂ€gt in sich selbst das verdunkelnde Prinzip der Verstellung, und wo sein Ich erscheint, kann nicht leuchten, was durch alle AufklĂ€rungen versprochen wurde: Licht der Vernunft.

Das eigentliche kulturelle Problem liegt nicht im ethnischen Pluralismus mit all seinen Reflexionen in lokalen ErzĂ€hlungen, obwohl diese als nationalistisch und nativistisch bezeichnet werden. Es spiegelt sich vielmehr in der sich stĂ€ndig verschĂ€rfenden Asymmetrie zwischen Vergangenheit und Zukunft in jeder Kultur wider. In dieser Hinsicht könnte man von einem bevorstehenden Zusammenstoß zwischen Traditionalismus und Futurismus sprechen. Obwohl dies meist am Rande kultureller SphĂ€ren geschieht, kann es auch im Mainstream jeder Kultur beobachtet werden. Man könnte sagen, dass der Modernisierungsdruck, der eine einzigartige Vergangenheit hinterlĂ€sst, das heutige Schicksal ist.

»Neo-Feudalismus auf verhohlener semi-sozialistischer Basis unter kapitalistisch-demokratischem Überbau?«: Wer hört so etwas gerne? Da gehen die Kategorien durcheinander, die die WeltzustĂ€nde trennen sollten. Wenn ich am Abend trĂ€umerisch dasitze, neige ich zu der These, wir lebten, ohne es offen zuzugeben, lĂ€ngst in einer neo-feudalen Gesellschaftsform, die sich als Kapitalismus maskiert, in der Sache jedoch ein Semi-Sozialismus mit Tendenz zum Dreiviertel-Sozialismus ist. Bei hellem Tag kommt mir die abendliche Vision wie eine barocke Ausschweifung vor. Bei weiterem Nachdenken erscheint sie mir trotzdem als eine These, mit der sich befassen muß, wer die Lage nicht von vornherein zu sehr vereinfachen will. Wir haben insofern eine neo-feudale Struktur ĂŒber uns, als innerhalb kurzer Zeit weltweit ein MilliardĂ€rs- und MultimillionĂ€rsĂŒberbau entstanden ist, den man mit einer Aristokratie alten Typs nicht gleichsetzen darf. Unsere Feudalherren sind obskur, und sie möchten es bleiben. Ein Blick auf die Forbes-Liste genĂŒgt: Von den grĂ¶ĂŸten Vermögen der Welt hat es die HĂ€lfte vor zwanzig Jahren noch nicht gegeben. In der neo-feudalen Lotterie tauchen SpitzenplĂ€tze ĂŒber Nacht auf. Die großen Vermögen sind heute ĂŒberwiegend gesichtslos und meist ohne Wappen. Eine Ebene darunter agiert die global zweitmĂ€chtigste ökonomische Akteursgruppe: die Nationalstaaten, die ĂŒber ihre Haushalte an die Steuerleistungen ihrer Populationen gekoppelt sind, und diese an die Erfolge der Volkswirtschaften. Die der Nationalstaaten geht bis ins 19. Jahrhundert zurĂŒck. Sie drĂŒckt strukturelle ökonomische ZwĂ€nge aus, die fortbestehen, auch nachdem das Zeitalter der europabasierten Imperialismen vorĂŒber ist.

GĂ€be es das Auge Gottes, was wĂŒrde es heute beobachten? 7 Milliarden homines sapientes meist ohne besondere Vorkommnisse, 700.000 Kreative, deren Output die Evolution treibt, 700 Pulsare auf genialer Frequenz, deren Namen man spĂ€ter in Kulturgeschichten findet, 7 seraphischen IntensitĂ€ten, deren innere Prozesse auch fĂŒr Gott informativ sind.